Forschung

 

Forschungsgebiete

Ökumenische Theologie, Religionsphilosophie, das Werk Karl Barths

 

Laufende Forschungsprojekte

1. Stellvertretung. Studien zur theologischen Anthropologie

Leitidee: Menschen sind und werden zu Menschen dadurch, dass andere für sie eintreten und sie für andere eintreten. Das Forschungsprojekt entwickelt in Auseinandersetzung mit exegetischen Einsichten sowie Theorien aus Religionsphilosophie und systematischer Theologie den Ansatz eines theologischen Personkonzepts vom Phänomen der Stellvertretung her und führt dies für ausgesuchte Fragestellungen der Anthropologie durch.

Projekt: Der Kernbegriffe dieser anthropologischen Erkundungsgänge ist Stellvertretung:  Nach einleitenden Bemerkungen zum Stand der Diskussion in der Anthropologie und fallweisen begriffsgeschichtlichen Studien (Einleitung/Teil I) wird im Dialog mit elaborierten Theorien der Stellvertretung (v.a. Emmanuel Levinas und Christof Gestrich) das Phänomen vorläufig umrissen. Seinen besonderen theologischen Stellenwert erhält es durch die Behauptung, dass Gott stellvertretend für Menschen eintrete. Dies wird in Betrachtungen zum "Großen Versöhnungstag" (Lev 16) und zur paulinischen Rede von Christus als Sühnemittel/Sühneort (Röm 3,21-26) entfaltet. Hier zeigt sich weit mehr als das, was in manchen vagen Dependenzformeln ausgesagt wird. Mitgesetzt ist die Behauptung, dass Menschen durch Gottes Eintreten für sie neu und anders werden können; eine entsprechende Erwägung beschließt Teil II. In Teil III werden Felder der Anthropologie stellvertretungstheologisch beleuchtet, unter ihnen der Begriff der Seele, die Phänomene Liebe und Freundschaft, Lehren und Lernen und die Stellvertretung im fürbittenden Gebet. Die Schlussüberlegungen skizziert die Verbindung des Stellvertretungsdiskurses zu den neuerdings viel diskutierten Theorien der Anerkennung und der Gabe.

Stand der Dinge: Das Projekt wurde in einer Reihe teils bereits publizierter Aufsätze, Vorträge und Rezensionen konkretisiert. In einem Forschungssemester WS 2015/16 wurden sie zu einem Band zusammengeführt sowie durchTeil II und einige noch fehlende Kapitel ergänzt. Die Publikation des im Frühjahr 2017 abgeschlossenen Manuskripts (357 S.) ist verlagsseitig für 14.5.2018 angekündigt.

 

2. Ökumenische Theologie als Gabentausch

Leitidee: Von einer Krise der Ökumene zu sprechen, ist wohlfeil, weil ökumenische Verständigungsprozesse sich stets krisenhaft vollzogen. Es geht wohl auch schwerlich anders, wenn für selbstverständlich Erachtetes des eigenen Selbstverständnisses dabei mindestens einer kritischen Sichtung zu unterziehen ist. Das Projekt analysiert dies kritische Momentum im ökumenischen Austauschprozess in grundsätzlicher Hinsicht und konkretisiert es an Fallbeispielen. Ökumenische Verständigung wird dabei unter Bezug auf neuere Debatten aus Sozialwissenschaften und Theologie als Gabentausch verstanden: Eine dem Anderen überreichte Gabe wird zur Gabe nicht bereits dadurch, dass sie einen gewissen Wert hat, sondern vielmehr dadurch, dass sie den Anderen besser sich selbst verstehen lehrt: So ist die katholische Gabe an evangelische Kirchen nicht etwa das Papstamt, wohl aber die Erinnerung daran, das eigene Amtsverständnis nicht modernistisch kleinzureden, sondern im Sinn des Prädikats der Apostolizität neu zu verstehen. - Weil die dem Anderen zu seinem Besten überreichte Gabe zugleich aus dem Eigenen kommt, entsteht dadurch ein Netzwerk von Selbstverständnissen.

Projekt: Das Projekt diskutiert die neuerdings in der Theologie rezipierten Gabe-Theorien erstmals für Belange der ökumenischen Hermeneutik und konkretisiert dies in Fallstudien aus evangelisch-lutherischer Perspektive. Hierbei geht es um den Dialog mit anglikanischer (Bischofsamt), römisch-katholischer (Glaube und Vernunft), täuferischer (Taufverständnis) und orthodoxer Theologie (Theopoiesis/Vergottung). Die für den jeweiligen Gesprächszusammenhang klassischen Konflikte werden danach nicht ausgeräumt sein, wohl aber dürfte sich im Sinne des Gabentausches zeigen, wie sehr die jeweilige Selbstinterpretation auf den Gesprächspartner angewiesen ist.

Stand der Dinge: Zahlreiche Vorarbeiten und ein vorläufiges Manuskript des Ganzen sind vorhanden. Mit dem Aufsatz Ökumenische Verständigung als Gabentausch (Theologische Quartalsschrift Tübingen 197 [2017], 320-336) liegt eine Skizze des Projekts vor. Für das erste Halbjahr 2019 ist eine internationale Expertentagung zum Thema geplant, an die sich die Niederschrift der Monographie anschließen wird. 

 

3. Dogmatik des Grundschullehrplans

Leitidee: Lehrer/innen benötigen einen anderen Zugang zur systematischen Theologie als Pfarrer/innen und dies nicht nur, weil ihnen zum Studium der Theologie so peinvoll wenig Zeit eingeräumt wird. Die reichen Schätze der Dogmatik und Ethik sollen so dargeboten werden, dass augenfällig wird, dass sie für eine sinnvolle Unterrichtsvorbereitung und -begleitung unerlässlich sind.

Projekt: (1) Grundlegung anhand einer Theorie theologischer Sätze, die sich an Ludwig Wittgensteins Regel- und Sprachspielbegriff orientiert und dies u.a. durch eine kritische Diskussion von George Lindbecks Buch "The Nature of Doctrine" schärft. (2) Ausgehend von exemplarischen Lehrplanthemen und Schülerfragen wird gezeigt, warum und wie die als Sprachregeln verstandenen Sätze der Theologie für ihre Entfaltung hilfreich und nötig sind: Auch biblische Nacherzählungen sind theologisch gesteuert, auch Spielen und Malen folgt Regeln. Die theologische Kunst besteht darin, die bei sich selbst am Werk befindlichen Regeln kennenzulernen und sie im Gespräch mit den Schätzen der Theologie zu kritsieren und zu verbessern. Ziel des Projekts ist demnach auch, Theologie als Kunst der alltäglichen Urteilsbildung und als Wahrnehmungslehre am Schreibtisch, in Klassenzimmer und Lehrerraum kennenzulernen und einzuüben.

Stand der Dinge: Mittelfristiges Projekt. Es wird derzeit in Lehrveranstaltungen und der Begleitung von Schulpraktika erarbeitet und nach einer vorläufigen Manuskriptreife religionspädagogischen und systematisch-theologischen Fachkollegen zur Diskussion vorgelegt. Interessierte potenzielle Doktoranden/innen finden hier ein reiches Betätigungsfeld.